Vom 28. September bis 4. Oktober 2026 war die Weltstillwoche. Und ich musste dabei ausgerechnet an ein Foto denken. Genauer gesagt an eines der wenigen Fotos, die es überhaupt von mir und meinem Sohn beim Stillen gibt.
Eigentlich verrückt, wenn ich darüber nachdenke. Stillen war gerade in der ersten Zeit so ein großer Teil unseres Alltags. Stunden auf dem Sofa, nachts im Bett, unterwegs, zwischendurch, zum Einschlafen, zum Beruhigen. Und trotzdem gibt es davon kaum Bilder. Es war so alltäglich, dass ich selten auf die Idee gekommen bin, diesen Moment festzuhalten. Und wenn doch, fehlten Zeit, freie Hände oder schlicht die Energie, jetzt auch noch ein schönes Foto daraus zu machen.
Vor ein paar Monaten habe ich dann mit meinem inzwischen zweijährigen Sohn bei einer Kampagne von Mein Mama-Netzwerk Berlin und Stillen Verbindet zum Stillen in der Öffentlichkeit mitgemacht. Wir wurden in Berlin von einer professionellen Fotografin (danke liebe Claudia von fotografiemensch) fotografiert: ich, mein Sohn, stillend.
Für mich war das gleich auf zwei Arten besonders.
Ich wollte diesen Teil unserer Geschichte einmal festhalten. Aber ich wollte auch Teil dieser Kampagne sein. Weil ich glaube, dass es manchmal viele braucht, die etwas sichtbar machen, damit es irgendwann gar nicht mehr besonders sichtbar gemacht werden muss.
Genau das wünsche ich mir beim Stillen.
Dass eine Mutter ihr Kind stillt und niemand groß darüber nachdenkt.
In diesem Blogbeitrag teile ich deshalb einige Gedanken zum Stillen in der Öffentlichkeit und gehe der Frage nach, warum es auch im Jahr 2026 noch irritierte Blicke auf sich zieht und weshalb es so wichtig ist, das Thema endlich zu enttabuisieren.
Warum reden wir überhaupt noch darüber?
Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein.
Ein Kind möchte die Brust. Seine Mutter stillt es. Fertig.
Und trotzdem wissen vermutlich viele stillende Mütter, dass es sich in der Öffentlichkeit manchmal eben nicht ganz so selbstverständlich anfühlt.
Kennst du diesen kurzen Blick durch den Raum, bevor du dein Oberteil hochziehst? Die Überlegung, wo du dich hinsetzt. Den Versuch, möglichst wenig Haut zu zeigen. Oder diesen einen Blick von einem fremden Menschen, bei dem du dich plötzlich fragst, ob du gerade irgendetwas Ungewöhnliches tust.
Dabei ist die weibliche Brust im öffentlichen Raum alles andere als ungewöhnlich. Wir sehen sie in Werbung, Filmen, auf Plakaten und in sozialen Medien. Als etwas Schönes, Sexuelles, Begehrenswertes. Weibliche Körper sind sichtbar – solange diese Sichtbarkeit in einen Rahmen passt, an den wir uns gewöhnt haben.
Und genau deshalb finde ich die Irritation rund um eine stillende Brust so interessant. Denn plötzlich ist dieselbe Brust nicht dafür da, schön auszusehen, etwas zu verkaufen oder betrachtet zu werden. Sie erfüllt eine ganz andere Funktion: Ein Kind trinkt daran.
Vielleicht liegt ein Teil des Unbehagens also gar nicht darin, dass eine Brust sichtbar ist. Vielleicht irritiert vielmehr der Zusammenhang, in dem wir sie sehen. Der weibliche Körper ist in diesem Moment kein Bild für andere, sondern versorgt ein Kind.
Natürlich wird nicht jeder Mensch, der öffentliches Stillen unangenehm findet, bewusst über die Sexualisierung weiblicher Körper nachdenken. So einfach möchte ich es mir auch nicht machen. Aber den Widerspruch finde ich trotzdem bemerkenswert: An sehr viel nackte weibliche Haut haben wir uns im öffentlichen Raum längst gewöhnt. Ausgerechnet die stillende Brust wird immer wieder als „zu intim“ empfunden.
Und damit sind wir für mich bei einer viel größeren Frage als der, wie viel Brust beim Stillen zu sehen sein darf.
Wenn Fürsorge sichtbar wird
Von Müttern wird ziemlich selbstverständlich erwartet, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrnehmen und darauf reagieren. Ein Baby soll möglichst nicht lange weinen, ein müdes Kind soll beruhigt und ein hungriges Kind versorgt werden. All diese Dinge gehören für uns ganz selbstverständlich zu guter Fürsorge.
Interessant wird es dort, wo diese Fürsorge selbst sichtbar wird.
Denn ein hungriges Baby hört nicht auf, hungrig zu sein, weil seine Mutter gerade im Café sitzt. Ein Kleinkind braucht nicht weniger Nähe, weil zwanzig andere Menschen im Raum sind. Und trotzdem entsteht schnell eine merkwürdige Spannung: Natürlich soll die Mutter ihr Kind versorgen – aber möglichst so, dass der Rest der Welt davon wenig mitbekommt.
Beim Stillen wird das besonders deutlich, weil Fürsorge hier körperlich sichtbar wird. Man sieht nicht nur das zufriedene Kind hinterher, sondern auch das, was dafür gerade geleistet wird.
Und vielleicht ist das ein Teil dessen, was mich an der Diskussion über öffentliches Stillen so beschäftigt. Wir sprechen viel darüber, dass Kinder Bedürfnisse haben und dass Eltern feinfühlig darauf reagieren sollen. Gleichzeitig ist unser öffentlicher Raum nicht immer besonders geduldig, wenn genau diese Bedürfnisse tatsächlich auftauchen.
Das Kind soll nicht schreien, aber das Beruhigen soll bitte auch nicht stören. Es soll satt sein, aber die Brust, an der es satt wird, möchten manche lieber nicht sehen. Fürsorge wird erwartet – sichtbar werden soll sie möglichst wenig.
Das betrifft natürlich nicht nur das Stillen. Es zeigt sich auch beim weinenden Kleinkind im Supermarkt, beim Kinderwagen in der vollen Bahn oder bei Eltern, die ein Restaurant verlassen, weil ihr Kind gerade nicht mehr kann. Mit Kindern mitten im gesellschaftlichen Leben zu sein bedeutet eben auch, dass ihre Bedürfnisse dort sichtbar werden.
Und genau an dieser Stelle bekommt die Frage, wo eine Mutter stillt, für mich eine größere Bedeutung.
Wer entscheidet eigentlich über den Rückzug?
Die Vorstellung, Stillen gehöre grundsätzlich in einen privaten Raum, klingt zunächst vielleicht gar nicht besonders dramatisch. Es gibt schließlich Stillräume, ruhige Ecken oder andere Rückzugsmöglichkeiten.
Aber wenn Stillen nur dort stattfinden soll, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass die Mutter mit ihrem Kind den öffentlichen Raum verlassen muss, sobald ihr Kind trinken möchte.
Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, Rückzug beim Stillen schlechtzureden. Ich habe ihn selbst manchmal sehr gerne genutzt. Bei Feiern mit der Familie meines Mannes zum Beispiel sitzen schnell mehr als zwanzig Menschen zusammen, es ist laut, überall wird geredet und irgendetwas ist eigentlich immer los. Wenn mein Sohn dann stillen wollte, bin ich mit ihm oft in ein ruhiges Zimmer gegangen und war ehrlich gesagt manchmal ganz froh über diese kleine „Ausrede“, mich für eine Weile aus dem Trubel zurückziehen zu können.
Der Unterschied war: Ich wollte dort sein.
Ich bin nicht gegangen, weil meine stillende Brust den anderen nicht zugemutet werden sollte, sondern weil mir die Ruhe selbst guttat.
Genau deshalb finde ich Stillräume grundsätzlich gut. Manche Babys trinken in Ruhe besser, manchmal möchte man selbst nicht beobachtet werden und manchmal sind zehn Minuten in einem stillen Raum einfach genau das, was man gerade braucht.
Problematisch wird es für mich erst, wenn aus diesem Angebot eine Erwartung wird. Wenn nicht mehr die Mutter entscheidet, ob sie sich zurückziehen möchte, sondern der Rückzug dazu dient, das Stillen für alle anderen unsichtbar zu machen.
Und solche Erwartungen müssen nicht einmal ausdrücklich ausgesprochen werden.
Was kleine Reaktionen mit uns machen können
Ich glaube nicht, dass hinter jedem irritierten Blick eine große gesellschaftliche Haltung steckt. Manchmal ist ein Blick tatsächlich einfach nur ein Blick.
Trotzdem können viele kleine Reaktionen etwas mit uns machen. Ein Kommentar, ein genervtes Wegsehen, ein Hinweis auf das Stillzimmer oder ein „Muss das denn hier sein?“ reicht manchmal schon, damit man beim nächsten Mal ein bisschen genauer darüber nachdenkt, wo man sich hinsetzt.
Vielleicht zieht man sich mehr zurück, als man eigentlich möchte. Vielleicht deckt man sich ab, obwohl es für Mutter und Kind umständlicher ist. Vielleicht stillt man lieber noch schnell im Auto oder sucht schon vor einem Ausflug danach, wo es einen geeigneten Raum gibt.
Das Spannende an Scham ist für mich gerade, dass niemand ausdrücklich sagen muss: „Du gehörst hier nicht hin.“ Man beginnt irgendwann selbst, sein Verhalten an den möglichen Reaktionen anderer auszurichten.
Und hier lohnt sich für mich der Blick darauf, woher solche Erwartungen eigentlich kommen.
Mutterschaft war lange Privatsache
Sorgearbeit wurde historisch sehr lange dem privaten Raum und vor allem Frauen zugeschrieben. Kinder versorgen, pflegen, trösten, Haushalt führen – all das galt weniger als gesellschaftlich relevante Arbeit, sondern als etwas, das Frauen innerhalb der Familie eben tun.
Darin steckt ein Gedanke, dessen Auswirkungen wir bis heute kennen: Wenn Fürsorge als etwas Natürliches gilt, wird schnell übersehen, dass sie Zeit, Kraft und Arbeit kostet. Und wenn sie hauptsächlich im Privaten stattfindet, müssen wir uns als Gesellschaft auch weniger damit auseinandersetzen, was diese Arbeit eigentlich braucht.
Stillen passt erstaunlich gut in dieses Bild. Es wird häufig über Nähe, Geborgenheit und Bindung erzählt – und natürlich kann es all das sein. Ich habe selbst viele dieser schönen und innigen Momente erlebt.
Aber damit ist eben nur ein Teil erzählt.
Stillen bedeutet auch, nachts zum fünften Mal wach zu sein. Es bedeutet wunde Brustwarzen, Milchflecken auf dem T-Shirt oder ein Kind an der Brust zu haben, während man selbst seit einer Stunde aufs Klo müsste. Es kann bedeuten, dass man Hunger hat, während man gerade jemanden ernährt, oder dass der eigene Körper über Monate und manchmal Jahre nicht mehr nur einem selbst gehört.
Es kann wunderschön sein und gleichzeitig anstrengend. Man kann diese Nähe lieben und sich trotzdem manchmal wünschen, gerade niemand würde einen anfassen. Das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Vielleicht ist es deshalb gar nicht schlecht, wenn Stillen auch außerhalb unserer Wohnzimmer sichtbar ist. Denn sichtbar wird damit nicht nur eine Brust. Sichtbar wird ein kleiner Ausschnitt aus der Arbeit, die jeden Tag rund um Kinder passiert und die wir meistens erst dann bemerken, wenn sie einmal nicht passiert.
Für mich steckt deshalb hinter der Forderung, öffentlich stillen zu können, inzwischen viel mehr als die Frage, wo eine Brust zu sehen sein darf.
Es geht auch darum, dass Mütter mit ihren Kindern nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden müssen, sobald Fürsorge sichtbar wird.
Es sollte nicht um ein neues Mutterideal gehen
Bei all dem ist mir aber noch etwas wichtig. Denn gerade beim Stillen kann aus einer gut gemeinten Botschaft ziemlich schnell die nächste Erwartung an Mütter werden.
Schon während der Schwangerschaft und erst recht nach der Geburt gibt es unzählige Vorstellungen davon, wie man es richtig machen sollte. Stillen ist gut fürs Kind, aber irgendwann bitte nicht mehr zu lange. Man soll auf sein Gefühl hören, bekommt aber gleichzeitig von allen Seiten erklärt, was dieses Gefühl einem idealerweise sagen sollte. Man soll sein Kind feinfühlig begleiten, selbstbestimmt entscheiden und dabei möglichst noch entspannt bleiben.
Eine Kampagne für öffentliches Stillen sollte deshalb für mich nicht die Botschaft haben: Schaut her, so sollte es jede Mutter machen.
Denn nicht jede Mutter möchte öffentlich stillen. Nicht jede möchte überhaupt stillen und nicht jede kann es. Manche geben die Flasche, manche pumpen ab, manche stillen wenige Wochen und andere mehrere Jahre. Manche hätten gerne länger gestillt und manche sind irgendwann einfach froh, ihren Körper wieder für sich zu haben. Hinter jeder dieser Entscheidungen und Geschichten steckt ein anderer Mensch, ein anderes Kind und eine andere Situation.
Genau deshalb geht es für mich am Ende um Selbstbestimmung.
Eine Mutter sollte ihr Kind so versorgen können, wie es für sie und ihr Kind passt. Wenn sie mitten im Café stillen möchte, sollte sie dafür nicht schief angesehen werden. Wenn sie dafür lieber in einen Stillraum geht, sollte niemand daraus schließen, dass sie sich schämt. Und wenn sie ihrem Kind eine Flasche gibt, sollte sie genauso wenig erklären müssen, warum.
Vielleicht ist das sogar die Verbindung zwischen all diesen sehr unterschiedlichen Erfahrungen: Mütter brauchen nicht noch mehr Regeln dafür, wie sie es richtig machen. Sie brauchen den Raum, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Und dann denke ich wieder an dieses Foto
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir das Foto aus der Kampagne inzwischen so gut gefällt.
Mein Sohn hat sich an diesem Tag vermutlich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wo wir waren, wer uns sehen konnte oder welche gesellschaftliche Debatte sich um öffentliches Stillen dreht. Er wollte stillen. Also hat er gestillt.
Für mich steckt heute natürlich mehr in diesem Bild. Es ist eines der wenigen Fotos, die ich von diesem riesigen Teil unseres gemeinsamen Alltags habe. Allein deshalb bin ich froh, dass es entstanden ist.
Aber es ist eben auch Teil einer Kampagne, in der viele Mütter genau das sichtbar machen. Nicht, weil eine stillende Mutter etwas Besonderes sein sollte, sondern weil sie es eigentlich nicht sein sollte.
Vielleicht verändern solche Bilder nicht von heute auf morgen, wie Menschen über öffentliches Stillen denken. Aber sie können dazu beitragen, dass der Anblick vertrauter wird. Dass eine stillende Mutter im Café, im Park oder in der Bahn irgendwann genauso selbstverständlich zum Alltag gehört wie alle anderen Menschen, die dort sitzen.
Und vielleicht wäre genau das für mich die schönste Vorstellung von Normalität: Eine Mutter muss nicht erst überlegen, ob sie mit ihrem Kind gerade irgendwo stört. Sie muss weder demonstrativ sichtbar sein noch sich vorsorglich unsichtbar machen. Sie kann einfach entscheiden, was sie und ihr Kind in diesem Moment brauchen.
Mein Sohn würde es vermutlich ohnehin viel einfacher zusammenfassen.
Er hatte Hunger oder brauchte Nähe. Ich war da. Er hat gestillt.
Und dann ging unser Tag weiter.
Vielleicht sollte es irgendwann wirklich nicht komplizierter sein als das. 💜
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Stillen ist etwas Alltägliches – und trotzdem fühlen sich manche Mütter in der Öffentlichkeit beobachtet oder fragen sich, ob sie gerade jemanden stören. Ein Grund dafür könnte sein, dass weibliche Brüste im öffentlichen Raum zwar sehr sichtbar sind, eine stillende Brust aber in einem ungewohnten Zusammenhang erscheint: nicht als etwas Sexuelles oder Ästhetisches, sondern als Teil von Fürsorge. Genau dieser Widerspruch zeigt, dass öffentliches Stillen noch nicht überall als selbstverständlich wahrgenommen wird.
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Ein Stillraum kann wunderbar sein, wenn eine Mutter sich Ruhe wünscht oder ihr Kind dort besser trinken kann. Er sollte aber eine Möglichkeit sein und keine Erwartung. Entscheidend ist, dass die Mutter selbst wählen kann, ob sie sich zum Stillen zurückziehen möchte oder lieber dort bleibt, wo sie gerade ist.
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Öffentliches Stillen zu normalisieren bedeutet nicht, dass jede Mutter öffentlich stillen sollte. Es bedeutet vielmehr, dass eine Mutter ihr Kind im Café, im Park oder in der Bahn stillen kann, ohne sich dafür rechtfertigen oder zurückziehen zu müssen. Genauso sollte sie sich für einen Stillraum oder gegen das Stillen entscheiden können. Am Ende geht es nicht um ein neues Ideal, sondern um Selbstbestimmung.